
Warnstreik bei Thyssenkrupp Rasselstein in Andernach: Die IG Metall weitet die Proteste aus. Was Beschäftigte fordern und was Arbeitgeber bieten – im Überblick.
Mitternacht, aus Sonntag wird Montag, und bei Thyssenkrupp Rasselstein in Andernach steht die Nachtschicht nicht mehr am Band. Rund 300 Beschäftigte haben die Arbeit niedergelegt und sich vor dem Werkstor versammelt. So beginnt in dieser Region das, was wir schon in einem früheren Beitrag angekündigt hatten: die Warnstreikphase der IG Metall. Auch beim Mobilfunkzulieferer RF 360 Europe in München lief parallel eine nächtliche Protestaktion. Zwei Werke, ein Signal.
Die Friedenspflicht in der Metall- und Elektroindustrie war um Mitternacht ausgelaufen, und die Gewerkschaft ließ sich keine Zeit verstreichen. Das kennt man aus Andernach ja fast schon als Standard: Wenn die IG Metall sagt, es wird gestreikt, dann steht auch pünktlich jemand vor dem Tor.
Andernach war nur der Auftakt. In der Woche ab dem 2. November sollen die Arbeitsniederlegungen laut IG Metall auf das gesamte Bundesgebiet ausgeweitet werden. Betroffen sein können der Autobau, der Maschinenbau, die Elektronikindustrie und die Metallerzeugung – also nahezu die komplette Bandbreite der Branche. Mehr als 2.000 Betriebe sind laut Gewerkschaft für Aktionen vorgesehen, verhandelt wird für rund 3,7 Millionen Beschäftigte in 15 Tarifgebieten.
Der Bezirksvorsitzende Mitte, Jörg Köhlinger, hat den nächtlichen Streik bei Thyssenkrupp Rasselstein als das bezeichnet, was er ist: der Auftakt einer massiven Warnstreikphase. IG-Metall-Chefin Christiane Benner hatte vorab bereits „starke Warnstreiks“ angekündigt. Wer am Deutschen Eck oder an der Mosel entlangfährt und dabei den Lokalfunk hört, wird in den nächsten Tagen also noch öfter von Werkstoren und Protestaktionen lesen.
Die Forderung der IG Metall liegt bei 5 Prozent mehr Geld für zwölf Monate, dazu Zusagen zur Sicherung von Arbeitsplätzen und Standorten. Was die Arbeitgeberseite bislang anbietet, sieht anders aus: eine Einmalzahlung für das kommende Jahr und eine Stufenerhöhung von 1,3 Prozent – nach Angaben von norbertfleischer.de allerdings erst ab Juli 2028, bei einer Laufzeit bis Ende 2028. Betriebe mit einer Umsatzrendite unter 2,3 Prozent könnten die Einmalzahlung sogar verschieben oder ganz streichen.
Die Arbeitgeber begründen ihr Angebot mit der schwierigen wirtschaftlichen Lage und hohen Kosten für die Industrie in Deutschland. Aus Sicht der Gewerkschaft reicht das nicht. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes lag die Inflation im September bei 3,3 Prozent – so hoch wie seit Dezember 2023 nicht mehr, Energie war fast 15 Prozent teurer als ein Jahr zuvor. Rechnet man das Angebot der Arbeitgeberseite auf den Jahresschnitt herunter, kommt die IG Metall auf gerade einmal 0,6 Prozent. Wer mit spitzem Bleistift rechnet, merkt schnell: Das ist für viele Haushalte eher eine Minusrunde als ein Gewinn.
Während in der Autoindustrie gespart wird, zeigt sich an anderer Stelle ein ganz anderes Bild. Der Rüstungskonzern Rheinmetall hat seinen Umsatz im ersten Halbjahr 2026 um 39 Prozent auf 5,2 Milliarden Euro gesteigert, das operative Ergebnis im zweiten Quartal stieg sogar um 115 Prozent auf 562 Millionen Euro. Der Auftragsbestand lag Ende Juni bei 80,5 Milliarden Euro – ein Jahr zuvor waren es noch 56 Milliarden. Vorstandschef Armin Papperger sprach selbst von einem „Rekordwachstum“.
Das wirkt sich auch auf andere Standorte aus: In Osnabrück endet 2027 die Autoproduktion bei Volkswagen, das Land Niedersachsen übernimmt das Werk und will dort mit einem israelischen Investor Rüstungstechnik fertigen lassen. Von gut 1.800 Beschäftigten sollen bis zu 1.400 bleiben. Audi wiederum bietet Beschäftigten in Ingolstadt an, sich freiwillig – mit Rückkehrgarantie – für bis zu zwei Jahre an Rüstungsfirmen wie Diehl, Airbus, MBDA oder KNDS verleihen zu lassen. Zwei Entwicklungen, die zeitgleich passieren: Die einen bauen um, die anderen streiken für eine Erhöhung, die kaum die Inflation ausgleicht.
Die nächste Verhandlungsrunde im Südwesten ist voraussichtlich für die zweite Novemberwoche angesetzt. Bis dahin dürfte es an etlichen Werkstoren in der Region laut werden – auch wenn Volkswagen mit seinem eigenen Haustarif nicht zur Flächentarifrunde gehört und damit eine Ausnahme bleibt.
Was bleibt also für den Alltag hier an Rhein und Mosel? Vielleicht ein Blick genauer hinzuschauen, wenn beim nächsten Werkstor wieder Beschäftigte stehen, statt am Band. Es geht um mehr als ein paar Prozentpunkte – es geht um die Frage, wer am Ende die Rechnung für den Umbau einer ganzen Industrie zahlt.






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