
Lese- und Liederabend in Neuwied erinnert an Widerstand gegen Judenverfolgung in Frankreich: Mit Prof. Gottfried Orth und Liedermacher Pascal Gentner…
Manchmal liegt die große Geschichte näher, als man denkt. Nur ein paar Straßen vom Deutschen Eck entfernt, im Friedrich-Spee-Haus in Neuwied, geht es am Dienstag, dem 10. November, um 19 Uhr um Zivilcourage, die acht Jahrzehnte zurückliegt – und doch nichts von ihrer Bedeutung verloren hat. Unter dem Titel „Erinnern heißt Handeln“ laden mehrere Neuwieder Institutionen zu einem Lese- und Liederabend ein, der Literatur, Musik und Erinnerungskultur verbindet.
Im Mittelpunkt steht der evangelische Religionspädagoge Prof. Gottfried Orth. Er liest aus zwei Büchern, die er selbst ins Deutsche übersetzt hat: den Erinnerungen der französischen Pfarrersfrau Magda Trocmé. Sie hat unter der mit Hitler-Deutschland kollaborierenden Vichy-Regierung falsche Pässe für jüdische Kinder ausgestellt – und ihnen damit das Leben gerettet. Wer stellt sich schon einem ganzen Regime entgegen, nur um Kindern eine Chance zu geben? Magda Trocmé hat es getan.
Die Geschichte hat eine direkte Linie in die Region: Magda Trocmés Ehemann, der reformierte Pfarrer André Trocmé, zählt zu den Gründern des Internationalen Christlichen Friedensdienstes EIRENE, der seinen Sitz in Neuwied hat. Was in den 1940er-Jahren in Frankreich begann, wirkt also bis heute in der Rhein-Region nach.
Musikalisch begleitet wird der Abend von Pascal Gentner, einem Liedermacher aus Neuwied, der im EIRENE-Haus aufgewachsen ist. Wie EIRENE auf der eigenen Website mitteilt, singt Gentner an diesem Abend über seinen französischen Urgroßvater, der von den Nazis ermordet wurde, und über seine eigenen Erfahrungen im Friedensdienst. Zwei Generationen, zwei Zugänge zur selben Frage: Was bedeutet es, in schwierigen Zeiten Haltung zu zeigen?
Dass dieser Abend zustande kommt, ist einem breiten Bündnis zu verdanken. Veranstalter sind der Internationale Christliche Friedensdienst EIRENE gemeinsam mit dem Pastoralen Raum der katholischen Kirche, der evangelischen Kirchengemeinde Neuwied, dem Deutsch-Israelischen Freundeskreis Neuwied und der Katholischen Erwachsenenbildung Koblenz. Kirchliche und zivilgesellschaftliche Organisationen ziehen hier an einem Strang – ein Zeichen dafür, wie ernst das Thema Erinnerungsarbeit in der Region genommen wird, wie auch der NR-Kurier in seiner Ankündigung berichtet.
Der Eintritt zur Veranstaltung ist kostenfrei. Das senkt die Schwelle bewusst: Erinnerungskultur soll kein exklusives Format für wenige sein, sondern ein Angebot an alle, die sich einen Abend Zeit nehmen wollen für Geschichten, die größer sind als ein Abendtermin im Kalender.
Wer durch die Neuwieder Innenstadt läuft, denkt selten an Vichy-Frankreich oder an falsche Pässe, die Leben gerettet haben. Und doch steckt genau diese Geschichte mitten in unserer Region – über EIRENE, über Menschen, die hier leben, über ein Haus, in dem ein Liedermacher aufgewachsen ist, der heute von seinem Urgroßvater singt. Das kennt ihr, oder? Dieses Gefühl, dass Geschichte nicht irgendwo passiert, sondern genau dort, wo man selbst steht.
Der Abend im Friedrich-Spee-Haus erinnert daran, dass Zivilcourage nie abstrakt bleibt. Sie hat Namen, Gesichter, Familien. Und sie hat, in diesem Fall, eine Adresse in Neuwied. Wer am 10. November Zeit findet, bekommt Literatur, Musik und ein Stück Regionalgeschichte an einem Abend – nicht als Pflichtprogramm, sondern als Einladung, kurz innezuhalten.






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