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Boge in Simmern: Wie Warnstreiks ein Werk vor dem Aus bewahrten

Wie Beschäftigte bei Boge in Simmern mit Warnstreiks eine Werksschließung abwendeten und die Produktion von China zurück in den Hunsrück holten.

Redaktion
·
2. November 2026
Bild ist mit Hilfe von KI generiert
Zuletzt aktualisiert: vor 12 Stunden

Ein Werksschluss, der keiner mehr ist

Manchmal entscheidet sich die Zukunft eines ganzen Standorts nicht in einer Vorstandsetage, sondern auf dem Werksgelände selbst. Genau das ist in Simmern passiert, direkt bei uns im Hunsrück. Letzten November hatte die Geschäftsführung des Autozulieferers Boge Rubber & Plastics verkündet, das Werk solle 2026 schließen. Rund 300 Beschäftigte fertigen dort Motor- und Fahrwerkslager für Verbrenner-Fahrzeuge, unter anderem für Audi, Mercedes, Volkswagen und Volvo. Wer dort arbeitet, hat sich die Entscheidung über die eigene berufliche Zukunft nicht einfach so abnehmen lassen.

Wie die IG Metall berichtet, forderte die Gewerkschaft das Unternehmen umgehend zu Verhandlungen über einen Sozialtarifvertrag auf. Die Geschäftsleitung weigerte sich zunächst. Es folgten Warnstreiks und rechtliche Auseinandersetzungen – und im Januar schließlich ein erster Erfolg: eine tarifliche Verfahrens- und Prozessvereinbarung. Beschäftigte und Geschäftsführung sollten gemeinsam in paritätischen Arbeitsgruppen Lösungen erarbeiten, gesteuert von einem Lenkungsausschuss aus Geschäftsführung, Betriebsrat und IG Metall. Das Ziel war klar formuliert: Ergebnisse bis Ende Juni.

Verhandlungen bis nach China

Was dann folgte, ist durchaus bemerkenswert. Über ihr China-Netzwerk erreichte die IG Metall, dass der Aufsichtsratschef der Konzernmutter Zhuzhou Times New Material Technology, kurz TMT, persönlich nach Simmern kam. Ende Juni gelang der Verhandlungskommission der IG Metall nach 19 Stunden Verhandlungen der Durchbruch. Bis zum 31. Dezember 2027 sind betriebsbedingte Kündigungen ausgeschlossen, Boge garantiert bis dahin mindestens 245 Vollzeitäquivalente und fünf Ausbildungsplätze pro Jahr. Zusätzlich stellt das Unternehmen mindestens 7 Millionen Euro für Investitionen sowie 1 Million Euro für Qualifizierung bereit.

Das eigentliche Novum aber ist eine Verlagerung in die andere Richtung, als man es sonst gewohnt ist: Die Fertigung von Eisenbahnersatzteilen für Alstom und Bombardier wandert von China nach Simmern. Boge sichert zudem zu, einen Business-Plan für weiteres Neugeschäft im Bereich Schienenverkehr zu erarbeiten. Weitere Verlagerungen von Silikon-, Gummi- und Kunststoffteilen nach Simmern kommen dazu. Der Politologe Timo Daum ordnet das Beispiel laut einem Beitrag bei der Rosa-Luxemburg-Stiftung als einen seltenen Fall sozial-ökologischen Umbaus ein – in einer Zeit, in der viele Rüstungsunternehmen nach neuen Standorten suchen, während echte Beispiele für eine andere Art der industriellen Transformation eher rar sind.

Wie aus 300 Arbeitsplätzen ein zweites Standbein wird

Für die Beschäftigten bedeutet das vor allem eines: Sie hängen künftig nicht mehr allein am Verbrennermotor. Fahrwerksteile für Züge werden zum zweiten Standbein neben dem Automobilgeschäft. Das klingt zunächst technisch, ist aber im Kern eine handfeste Jobsicherung – gerade in einer Region, in der ein Arbeitsplatzverlust nicht einfach durch den nächsten Betrieb um die Ecke aufgefangen wird.

Auch beim Tarifvertrag selbst gab es Licht und Schatten. Der Versuch, den Flächentarifvertrag zu verschlechtern, wurde nach Angaben der IG Metall erfolgreich abgewehrt. Monatliches Entgelt, Urlaubsgeld, Weihnachtsgeld und das tarifliche Zusatzgeld bleiben unangetastet. Auch die von Arbeitgeberseite geforderte unentgeltliche Erhöhung der Arbeitszeit um 10 Stunden im Monat konnte verhindert werden. Der Kompromiss: Die Belegschaft verzichtet für die Jahre 2025 bis 2027 auf das sogenannte Transformationsgeld, eine jährliche Einmalzahlung von 18,4 Prozent des Monatseinkommens im Juli. Zwei geplante Entgelterhöhungen ab 2026 werden verschoben, und der Arbeitgeber kann statt des tariflichen Zusatzgelds zusätzlich sechs freie Tage im Jahr gewähren. Wichtig dabei: Das Geld ist nicht weg, sondern fließt in einen zusätzlichen Investitionstopf für den Standort Simmern. Was davon am Ende nicht gebraucht wird, bekommen die IG-Metall-Mitglieder bei Boge zurück.

98,3 Prozent organisiert – und 95,1 Prozent dafür

Dass ein solches Ergebnis überhaupt erreicht werden konnte, hat nach Darstellung der IG Metall viel mit dem hohen gewerkschaftlichen Organisationsgrad bei Boge zu tun: 98,3 Prozent der Belegschaft sind dort Mitglied. Nach der Zustimmung der Tarifkommission stimmten die Mitglieder in einer geheimen Urwahl mit 95,1 Prozent für die Annahme des Verhandlungsergebnisses. Das Ergebnis wurde bei einer Betriebs- und Mitgliederversammlung vor dem Werk präsentiert, an der auch die rheinland-pfälzische Arbeits- und Sozialministerin Dörte Schall teilnahm, die sich zuvor ebenfalls eingeschaltet hatte.

Vorbereitet war die Belegschaft übrigens auf einen deutlich härteren Weg: IG Metall und Beschäftigte hatten bereits eine „Woche des Widerstands“ ab Anfang Juli sowie eine Urabstimmung über einen unbefristeten Streik vorbereitet – ein Streik, der angesichts der Kundenliste von Boge mit Mercedes, Audi, VW und Volvo auch andere Autowerke empfindlich getroffen hätte. Dass es dazu am Ende nicht kam, lag am rechtzeitigen Verhandlungsergebnis.

Solidarität, die weiterwandert

Bemerkenswert ist auch, wie die Geschichte über Simmern hinaus wirkt. Bei der Versammlung vor dem Werk waren Delegationen von Betriebsräten und IG-Metall-Vertrauensleuten von Continental aus Rheinböllen sowie von Musashi aus Bad Sobernheim, Bockenau und Grolsheim zugegen, um Solidaritätsgrüße zu überbringen. Bei Musashi plant die Unternehmensleitung laut IG Metall massive Einschnitte, darunter zwei Werksschließungen in Niedersachsen und Thüringen sowie Massenentlassungen in Lüchow. Am Ende der Versammlung übergab der Vertrauenskörperleiter von Boge, Marco Friedrich, die sogenannte „Flamme der Solidarität“ an den Vertrauenskörperleiter von Musashi – ein Symbol, das seit einem IG-Metall-Aktionstag im März von Betrieb zu Betrieb weitergereicht wird.

Was bleibt, ist die Erkenntnis, dass Standortsicherung selten vom Himmel fällt. In Simmern hat eine gut organisierte Belegschaft gemeinsam mit der IG Metall Druck gemacht, verhandelt und am Ende tatsächlich etwas erreicht, das es so vorher nicht gab: eine Rückverlagerung von Produktion aus China. Für die Region zwischen Hunsrück und Mosel ist das keine kleine Randnotiz, sondern ein Stück handfeste Zukunft für mehrere hundert Arbeitsplätze.

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